Wieviel Privates ist politisch?

Wer sich mit Themen der sozialen Gerechtigkeit beschäftigt, z.B. als Feminist_in, Behindertenaktivist_in, Antirassist_in uvm, kommt in der Regel an irgendeinem Punkt nicht mehr umher sich auch mit Fragen der eigenen Positionierung und eigenen Lebenserfahrungen auseinander zu setzen. Dies trifft marginalisierte Menschen umso mehr, da das Politische (unfreiwillig) Teil ihres Alltags ist. Während beispielsweise als Schwarze Menschen selten die Wahl haben ob sie sich auch in ihrer Freizeit mit Rassismus beschäftigen möchten, können weiße Menschen sich entscheiden ob sie sich ihre eigene Position im System und ihre Privilegien genauer angucken möchten.

Ich bin eine Schwarze, psychisch erkrankte Frau. Meine aktivistischen Themen beinhalten unter Anderem Feminismus, Sexismus, (Anti-)Rassismus, psychische Erkrankungen und Ableismus. Die meisten Themen über die ich schreibe und spreche sind per se für mich persönlich. Dabei ist es eine Sache für mich zu wissen, was mich von meinen Worten gerade wie persönlich betrifft, aber eine ganz andere Frage wie viel ich davon nach außen preisgebe. Eine gewisse Offenheit ist für (meine) aktivistische Arbeit notwendig, da zum Einen nur durch persönliche Erlebnisse gewisse Argumente an Inhalt und Wert gewinnen und zum Anderen auch der Akt des „Schweigen brechens“ bereits massiv politisch und empowernd sein kann.

Persönliches öffentlich zu machen, kann aber auch viele Nachteile bringen, erst Recht wenn das persönliche stigmatisiert und/oder marginalisiert ist. Wer sich mit Verletzungen outet, macht sich verletzlich. Wer offen von Erkrankungen spricht, riskiert berufliche und private Konsequenzen. Wer gewisse Teile seiner_ihrer Identität offen legt, kann dadurch auch in konkrete körperliche Gefahr geraten. Wir leben nun mal in einer Welt in der offline Menschen für ihre marginalisierte Identität verletzt und getötet werden und online der Backlash von Hatern einen sowohl psychisch als auch körperlich massiv gefährden kann. Dazu kommt: Nicht jede_r ist schlichtweg in der Lage alle persönlichen Aspekte seines_ihres Lebens oder der eigenen Identität offen auszusprechen.

 

Innerhalb (intersektionaler) feministischer und anderer aktivistischer Kreise herrscht oft das Gebot, dass ausschließlich Betroffene eines Themas Definitionsmacht über eben dieses haben. Das ist zunächst einmal eine sehr sinnvolle und absolut notwendige Einstellung. Zu oft debattieren weiße Menschen darüber was denn nun „wirklich rassistisch (nicht) ist“, Männer darüber wieviel Sexismus Frau denn nun abkönnen muss, Heteros stimmen über gleichgeschlechtliche Ehen ab, und nichtbehinderte Menschen entscheiden dass man es mit Anti-Ableismus auch übertreiben kann. Definitionsmacht ist ein absolut wichtiges Konzept, denn nur wer auch wirklich mit Barrieren und Diskriminierung regelmäßig konfrontiert wird, kann auch als Expert_in darüber sprechen.

Problematisch wird die praktische Umsetzung allerdings dann, wenn Menschen davon ausgehen, dass jemand automatisch von einem Thema nicht betroffen ist, nur weil er_sie nicht explizit geäußert hat ob und wenn ja in welchem Ausmaß genau er_sie betroffen ist. Sowohl im Bereich des Behindertenaktivismus als auch im Feminismus habe ich schon oft erlebt, dass Menschen mir meine Betroffenheit abgesprochen haben. So wurde ich von anderen Betroffenen schon oft für meine abweichende Sichtweise angegriffen, nur weil ich im Gegensatz zu ihnen mich eben nicht traute zu schreiben „Punkt x, y und z sind meine persönlichen Erfahrungen“. Auch wenn ich mich zu einigen Themen scheinbar offen als persönlich betroffen positioniere, kann und möchte ich das nicht bei allen Themen. Dennoch möchte ich trotzdem auch zu Themen bei denen ich nicht vorher meine persönliche Positionierung bekannt gebe, etwas sagen.

 

Ich schreibe oft abstrakt formuliert. Das ist meine Art damit umzugehen, die vielen Aspekte meiner Person und meiner Wissensquellen zu vereinen ohne immer klar benennen zu müssen – was weiß ich aus Fachbüchern/Studium, was durch betroffene Angehörige/Umfeld und was eventuell durch eigene Betroffenheit. Diese klare Auftrennung in verschiedene Wissensquellen ist meist praktisch eh nicht möglich (ich bin halt eben nicht nur Betroffene ODER Expertin ODER Aktivistin. Life is complex, deal with it). Während manche abstrakten Formulierungen tatsächlich schlichtweg nur theoretisch Geschriebenes sind, das mich selbst nicht näher betrifft, kann in anderen Fällen eben diese distanzierte Schreibweise mein Schutzschild sein nicht mehr über mich preiszugeben als ich möchte oder kann. Wenn ich über Themen, die verschiedene Betroffene unterschiedlich erleben können (wie z.B. Symptome einer Krankheit) schreibe, versuche ich schon so klar wie möglich dazu zu schreiben, dass ich nicht alle Perspektiven abdecken kann und werde. Was ich nicht machen werde: Unter jedem Aspekt der mich selbst betrifft, einen Betroffenheitsstempel zu setzen nur damit klar ist, dass ich auch wirklich berechtigt bin über dieses Thema zu schreiben. Ich möchte mich nicht unter Druck gesetzt fühlen mich outen zu müssen. Leider habe ich diesen „Outingdruck“ schon oft in der feministischsonstwieaktivistischen Bubble erlebt.

Auch bei Themen bei denen meine Betroffenheit theoretisch bereits bekannt ist, wird diese mir gern abgestritten sobald ich anfange allgemein formulierter über ein Thema zu sprechen. So ging es mir oft zu Zeiten von #notjustsad und auch heute erlebe ich es bei diesem und anderen Themen häufig. Plötzlich wurde oder werde ich als eine Institution angesehen, die gefälligst ALLE Perspektiven aller Betroffenen abzubilden hat. Wenn es sich um widersprüchliche Perspektiven handelt (weil hey, auch Betroffene können unterschiedlicher Meinung sein), kann ich es von Anfang an nicht richtig machen. Dabei bin ich in erster Linie eins: Ein Mensch. Ich bin eine Einzelperson, die sich irgendwie durch ihr Leben kämpft und dabei versucht noch ihre diversen persönlichen Betroffenheiten zu navigieren. Ich bin keine Vertretung für irgendwas  oder irgendwen, ich bin weder die feministische Weltverschwörung noch die NotJustSad GmbH.

 

Ich wünsche mir einen Raum wo ich sein kann. Als Mensch UND als Aktivistin. Als ggf Person mit Fachwissen UND als Betroffene. Als jemand der manches private öffentlich macht und über manches nur schweigen will/kann.

Genau das wünsche ich mir für alle Menschen außerhalb, aber auch erst Recht innehalb aktivistischer Bubbles. Ich sehe ein, dass es schwer sein kann die Prinzipien „Definitionsmacht hochhalten“ und gleichzeitig „niemanden zum Outing drängen“ immer praktisch umzusetzen. Ich habe keine Lösung für dieses Dilemma. Ich wünsche mir aber, dass wir trotzdem gemeinsam an einer Lösung arbeiten.

Flattr this!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.