Warum ich Vergewaltigung nicht so witzig finde wie Wiesenhof

[CW Sexualisierte Gewalt, rape culture, Vergewaltigungswitz. Erwähnung von Selbstverletzung und Suizid]

 

 

Das Fleischunternehmen Wieshof hat mehrere Werbespots mit Atze Schröder gedreht. In einem Werbespot bewirbt Schröder „die größte Wurst des Sommers“ (sic) mit den Worten: „Danach müssen Gina und Lisa erstmal in die Trauma-Therapie“. Eine Anspielung auf die Vergewaltigung von Gina Lisa Lohfink. Mal wieder ein billiger Vergewaltigungswitz im Fernsehen.

Die Poetry Slamerin* und Betroffene von sexualisierter Gewalt Kali hat sich in einem Slam dem Thema „rape jokes“ [Vergewaltigungswitze] gewidmet. Ihre Worte, ihre Mimik und die Art wie sie vorträgt sind so ergreifend, berührend und wichtig, dass ich euch dringend rate das ganze Video zu gucken (sofern euch das Thema nicht zu sehr aufwühlt/triggert). Ich habe im Folgenden versucht ein paar Zitate raus zu schreiben und zu übersetzen, die aber heraus gegriffen nicht der Bedeutung des gesamten Slams gerecht werden:

 

„Someone should explain to rape victims what is so funny about the way it feels to lose control over your whole body”

[„Jemand sollte Vergewaltigungsopfern erklären, was so witzig an dem Gefühl ist die Kontrolle über ihren ganzen Körper zu verlieren“]

“Someone should explain what makes us chuckle about being violated in the most intimate way”

[„Jemand sollte erklären was uns darüber kichern lässt auf die intimst mögliche Weise Gewalt angetan zu bekommen“]

“We normalize sexual violence till it’s the butt of a joke”

[„Wir normalisieren sexualisierte Gewalt bis sie nur noch eine billige Pointe eines Witzes ist“]

“the [kind of joke] that gets my heart racing, has my stomach feeling queasy till I’m flashing back to the night where I lost control over my whole body”

[„Die Art von Witz bei denen mein Herz anfängt zu rasen, mein Magen sich flau anfühlt bis ich zurück bin in der Nacht in der ich die Kontrolle über meinen Körper verloren habe“]

“At least own up to the fact that with every rape joke you tell you make someone feel unsafe”

[“Steh wenigstens zu der Tatsache, dass du mit jedem Vergewaltigungswitz den du erzählst, du dafür sorgst, dass sich jemand nicht mehr sicher fühlen kann“]

 

 

Es ist 17h als ich bei Twitter zufällig auf den Wiesenhof Werbespot stoße. Bis dahin hatte ich den ganzen Tag noch nicht einmal an meine Vergewaltigung gedacht, keine Flashbacks gehabt, keine Angstattacken – ein guter Tag. Nachdem ich nun den Spot gesehen habe, ist die Nacht wieder präsent und lässt sich nicht mehr abschütteln. Es ist ein so widerliches, penetrantes Gefühl, das es sich niemanden erklären lässt, di_er es nicht selbst erlebt hat. Danke Wiesenhof und Atze Schröder dafür, dass ich schon wieder keinen ganzen Tag ohne dieses Gefühl verleben kann.

Ich verstehe nicht was an einer Vergewaltigung und Traumatherapie so witzig ist. Ist es das ständige in Angst und Panik leben auch Jahre nach der Tat? Ist es das den eigenen Körper so sehr hassen für das was ihm angetan wurde, dass man ihn aufschneidet bis man mal wieder genäht werden muss? Sind es die vielen Suizide von Vergewaltigungsopfern, die die Folgen der Tat nicht mehr aushalten? Sind es die Flashbacks, die von sich immer wieder aufdrängenden Erinnerungen bishin zum kompletten wieder Durchleben der Tat gehen können und immer und immer wieder kommen? Ist es, dass mach auch nach einer gar-nicht-mal-so-spaßigen Traumatherapie nie wieder die Person wird die man vor der Tat war und das Geschehene auch dann niemals ganz vergessen und hinter sich lassen kann? Ist es das jede siebte Frau (plus Betroffene anderer Geschlechter) wenn sie einen Vergewaltigungswitz hört vermutlich irgendwo zwischen Selbstvorwürfen, Flashback, Schneidedruck, Panikattacken, Retraumatisierung und Suizidgedanken landet? Ja, all das kann so ein „Witz“ bei Betroffenen auslösen. Aber hey, das alles ist Wiesenhof und Schröder ein schneller Lacher wert.

 

 

Weiterführender Link:

Was Vergewaltigungswitze bei Vergewaltigern auslösen:

http://www.liberateyourself.co.uk/survivors/you-are-not-alone-personal-experiences/to-all-those-men-who-dont-think-the-rape-jokes-are-a-problem/

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5 Gedanken zu “Warum ich Vergewaltigung nicht so witzig finde wie Wiesenhof

  1. Kleiner Schönheitsfehler nur: Die Werbung kam vor dem gina-lisa Skandal heraus und Vergewaltigung wird nicht genannt, sondern nur Trauma durch große Penen. Während es unter aktuellem Bezug als höchsmerkwürdig ist, war es damals nur eine schlechte Werbung.

    • Fehler in deinem Kommentar: Die (mutmaßliche) Vergewaltigung von Gina-Lisa fand 2012 statt und ist auch schon lange bevor jetzt kürzlich der größere Medienansturm los brach bekannt. Also nein, die Werbung kam nicht vorher raus. Und was für ein Trauma gemeint sein kann, dass „Gina und Lisa“ von großen Würsten bekommen bedarf auch nicht allzu viel geschmackloser Kreativität.

      • Katrina Reichert

        …war aber irgendwo klar, dass der Relativierungsversuch von nem (mutmaßlichen) Cishet-Mann kam.

        Wen’s statistisch mit am seltensten trifft… ¯\_(ツ)_/¯

  2. Ich find den Spot super. Hab viel gelacht und muss jetzt noch darüber grinsen, während ich dies hier schreibe. Statt Mimimi sollte sich jede, die sich da irgendwie gestört fühlt, lieber selbst noch mal in die Traumatherapie begeben anstatt uns auf den Keks zu gehen.

    Wünsche mir mehr Werbung dieser Art.

    Grüße

    • 1. Du hast diese Blogseite aufgesucht, und hier rein kommentiert. Niemand zwingt dich einen Keks zu essen, den du nicht essen magst. Viel mehr bin ich automatisch dazu gezwungen deinen Mist zu lesen wenn du hier kommentierst.

      2. Aha du findest den Spot witzig, dann kannst du ja vielleicht die Fragen von Kali beantworten?: „Someone should explain to rape victims what is so funny about the way it feels to lose control over your whole body”

      “Someone should explain what makes us chuckle about being violated in the most intimate way”

      3. Hast du eigentlich den Text gelesen bevor du kommentiert hast? Inklusive diesem, eigentlich recht offensichtlichen Satz “ Ist es, dass mach auch nach einer gar-nicht-mal-so-spaßigen Traumatherapie nie wieder die Person wird die man vor der Tat war und das Geschehene auch dann niemals ganz vergessen und hinter sich lassen kann?“

      3.

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