Warum ich „Schland“ nicht feiern kann/will

[CW Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus]

 

Es ist wieder Männer Fußball EM. Wie alle zwei Jahre hängen in deutschen Vorgärten, an deutschen Autos, auf deutschen Balkonen usw. massenhaft schwarz-rot-goldene (oder auch mal schwarz-weiß-rote) Flaggen.

 

„Endlich traut sich Deutschland mal wieder Nationalstolz zu zeigen“, heißt es. „Das ist doch nur harmloser Patriotismus“, heißt es.

Nationalstolz‘ bedeutet laut Definition von Duden.de: „Gefühl des Stolzes, einer bestimmten Nation anzugehören“.

Patriotismus‘ definiert Duden.de als: „[begeisterte] Liebe zum Vaterland; vaterländische Gesinnung“.

Wikipedia erklärt: „Als Patriotismus wird eine emotionale Verbundenheit mit der eigenen Nation bezeichnet“.

 

Was ist eigentlich diese Nation Deutschland, die wir jetzt endlich – soo lange™ nach dem Holocaust – endlich alle mal lieben sollen? Wie sieht dieses Land für das ein bisschen Stolz „endlich“ wieder angesagt ist im Jahr 2016 aus?

Hier ein kleiner Überblick:

32,1% der Deutschen stimmen teilweise bis vollständig zu, dass „der Einfluss der Juden auch heute noch zu groß ist“.

66,3% der Deutschen stimmen teilweise bis vollständig zu, dass „die Ausländer nur hierher kommen um unseren Sozialstaat auszunutzen“.

32,7% der Deutschen stimmen der Aussage „Eigentlich sind die Deutschen anderen Völkern von Natur aus überlegen“ teilweise bis vollständig zu.

22,2% der Deutschen sind teilweise bis vollständig der Meinung, dass „die Verbrechen des Nationalsozialismus in der Geschichtsschreibung weit übertrieben worden“, 28,9% finden „der Nationalsozialismus hatte auch gute Seiten“.

61,6% der Deutschen sehen (teilweise bis vollständig) die Bundesrepublik als „durch die Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet an“.

Diese Aussagen sind Ausschnitt einer gerade veröffentlichen „Mittestudie“ aus dem Jahr 2016 der Universität Leipzig zu unter Anderem menschenfeindlichen Einstellungen der deutschen, bürgerlichen Mitte.

 

„Nujaa, aber das sind ja nur Worte, Mist reden kann man viel wenn der Tag lang ist“, mag di_er geneigte patriotische Leser_in jetzt sagen.

Gehen wir also weiter in diesem kleinen „Deutscher Ist-Zustand 2016“-Überblick von den Worten zu den Taten:

 

11% der Deutschen würden bei der nächsten Bundestagswahl die AfD wählen – 15,6% der Baden- Württemberger_innen bzw. 24,3% in Sachsen-Anhalt haben dies bei Landtagswahlen 2016 bereits getan.

Im Jahr 2015 gab es fünfmal so viele Angriffe auf Geflüchtetenunterkünfte wie im Vorjahr. Es waren laut BKA 1027 Angriffe (zum Vergleich; 2014: 199, 2013: 69) – das sind fast 3 (2,81) Geflüchtetenunterkünfte, die 2015 JEDEN.EINZELNEN.TAG. in Deutschland angezündert oder anderweitig angegriffen wurden.

2016 wurden bis Ende April 368 Angriffe auf Geflüchtetenunterkünfte in Deutschland gezählt (= 3,04 pro Tag). „In den ersten vier Monaten des Jahres zählten die Ermittler nun 73 Gewaltdelikte, 40 Brandstiftungen, vier Vergehen gegen das Sprengstoffgesetz und in einem Fall das „Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion“, so die ZEIT.

2014 rappte die Antilopen Gang im Song „Beate Zschäpe hört U2“: „Denn heute dreschen sie noch Stammtischparolen. Doch morgen haben sie Sprengstoff und scharfe Pistolen“. Dieses „morgen“ ist mittlerweile Gegenwart.

 

Wem das jetzt alles zu viel Zahlen und zu wenig greifbar war, dem erzähle ich die Erlebnisse von zwei Menschen (nennen wir sie „Paul“ und „Meral“) aus dem EM-Juni 2016 in Deutschland.

Paul ist Schwarzer Deutscher. Er ist am Sonntag Abend zu Fuß in Stuttgart unterwegs. Gegen 23 Uhr, kurz nach Ende des ersten (und bisher einzigen) Deutschlandspiels dieser EM wird dort aus einem fahrenden Auto mit einer Schreckschusswaffe auf ihn geschossen. Die Täter tragen Deutschlandtrikots und rufen während sie auf Paul schießen „Lauf Schwarzer!“.

Meral trägt Kopftuch. Anfang Juni geht sie mit ihrem Kind durch Gera. Zwei Männer brüllen ihr von ihrem Balkon aus rechtsradikale Beleidigungen hinterher um dann auf sie uns ihr Kind mehrmals zu schiessen.

 

Nein, ich verstehe nicht wieso ich eine positive emotionale Verbundenheit zu dieser Nation verspüren sollte, in der die größte Form weißen Antirassismus daraus besteht gönnerhaft zu verkünden, dass man bereit wäre einen millionenschweren Schwarzen Nationalfußballspieler als Nachbarn zu aktzeptieren (White Supremacy zeigt sicht übrigens auch darin, zu erwarten, dass die Schwarze „naja so riichtig deutsch ist der ja nicht“ Person sich darüber freuen soll, dass weiße Menschen ihm ihre Nachbarschaft zugestehen, anstatt sich zu fragen „will er mich überhaupt zum Nachbarn?“).

Wieso soll ich stolz auf ein Land sein, von dem ich ganze Regionen und Bundesländer nicht betreten kann, da ich berechtigte Angst haben muss dort als Person of Color körperlich angegriffen zu werden?

Wie kann ich, wenn ich das schwarz-rot-goldene Fahnenmeer sehe ausblenden, dass ich in letzter Zeit so viele Deutschlandflaggen vorallem bei Pegida gesehen habe?

Wie kann ich wenn während der EM vor meiner Wohnung „Deutschland! Deutschland!“ gerufen wird, dass im gleichen Atemzug folgende „Sieg Heil! Sieg Heil!“ überhören?

Wo soll ich ein Dazugehörigkeitsgefühl zu einer Nation hernehmen von der große Teile der weißen Mehrheitsgesellschaft mich gar nicht als dazugehörig sondern eher als „Überfremdung“ wahrnehmen und behandeln?

Wie kann man eine Nation lieben, die Schwarzen Menschen und People of Color im Jahr 2016 jeden Tag vorallem eins macht: Eine scheiß Angst.

 

@hrmpfm hat auf Twitter diese lesenswerte Tweetkette dazu geschrieben was deutscher Patriotismus bei EM/WM als Schwarze Person in Deutschland bedeutet: https://twitter.com/hrmpfm/status/742361464758013953

 

 

 

 

Schland M&M

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