Rape Culture und rassistische Doppelmoral

[Starke CW] Vergewaltigung, Belästigung, rape culture, Rassismus]

 

 

Da war der Typ im Zeltlager, der mich belästigte als ich 11 war.

Da war die Gruppe von Typen im Kino, die mir mehrfach an den Hintern grapschten, als ich 13 war.

Da war der Mann, der mich sexuell nötigte als ich 17 war.

Da war der Mann, der mich ein paar Jahre später vergewaltigte. Zufälligerweise an Silvester.

 

Wisst ihr was diese Jungs und Männer aus den genannten Erlebnissen (neben ihrem Geschlecht) gemeinsam hatten? Sie sind weiß und deutsch.

Wäre diese Tatsache in einer Rassismusfreien Welt wichtig? Nein. Leben wir in einer Rassismusfreien Welt? Nein.

Dieser Tage werden sexualisierte Übergriffe an Silvester in Köln bundesweit und international diskutiert. Die Täter sollen ein „nordafrikanisches Aussehen“ gehabt haben. Was zunächst mal nichts heißt, je nachdem wen man fragt hab auch ich ein „nordafrikanisches Aussehen“ und bin trotzdem deutsch. Und selbst wenn nicht, sollte das nicht eigentlich egal sein? In der Gesellschaft und in dem Land in dem wir derzeit leben – aka 2 brennende Geflüchtetenunterkünfte pro Tag, 1100 Angriffe auf geflüchtete Einzelpersonen in 2015, Pegida, Anschläge auf Moscheen, Asylrechtsverschärfung uvm. – ist es natürlich nicht egal.

Auch wenn bisher weder die Nationalität, Religion, noch der Aufenthaltsstatus der Täter in Köln bekannt ist, überschlagen sich die rassistischen Parolen und Forderungen. Der Alltagsrassist spricht von „DEN Muslimen/Arabern/Flüchtlingen“, die alle “triebgesteurt, gemeingefährlich, frauenfeindlich“ seien, will plötzlich „die deutsche Frau“ beschützen, und übt sich in erneuter rassistischer Anschlagsplanung. Die Volksparteien – von SPD bis CDU – fordern schnellere Abschiebung straffällig gewordener „Flüchtlinge/Ausländer“ (obwohl wie gesagt bisher überhaupt nicht bekannt ist, ob das auf die Täter von Köln zutrifft. Im Gegenteil, geht die Polizei nach ersten Meldungen eher nicht von Geflüchteten aus).

Kurz um: In Kaltland tobt mal wieder der braune Mob. Und plötzlich interessieren sie sich vermeintlich alle für das Thema sexualisierte Gewalt und die Betroffenen – von Antifeminist_innen wie Birgit Kelle (die bei #Aufschrei noch Betroffene verhöhnte(n)), zu rechtspopulistischen und sexistischen Parteien wie der AfD, zu sämtlichen nationalen und internationalen großen Medien. Den Betroffenen wird plötzlich auch von den üblichen „Falschbeschuldigung!!11“-Gröhlern geglaubt, Feminist_innen die nicht EMMA-Style im rechten Fahrwasser mitschwimmen wird von Antifeminist_innen vorgeworfen nicht genügend über die Betroffenen und ihr Leid zu schreiben (bzw nicht genug über diese pöhse „muslimische Kultur“™), diejenigen die sonst nichts von rape culture, niedrigen Verurteilungsquoten und Schutzlücken im Strafrecht hören wollen, gröhlen über sämtliche Mainstreammedien, dass Sexualstraftäter unbedingt verurteilt werden müssen.

 

Ich weiß gar nicht, womit ich anfangen soll, an welchen Punkten diese „Debatte“ überall diskriminierend, kackmistig, aufwühlend, und gleichzeitig zum Kotzen und zum Weinen ist.

 

Um zu erfahren, was sich Feminist_innen, Antirassist_innen und generell PoC (insbesondere WoC) die Tage alles anhören müssten, wenn sie sich weigerten an rassistischer Hetzjagd teilzunehmen, braucht man nur mal meine Twitterhandle suchen . Oder auch einfach nur die Antworten unter diesem Tweet lesen, der nur einer von vielen war bei denen die Reaktionen von Ausflüchte dafür finden warum sexualisierte Gewalt weißer Täter nicht so schlimm sei, zu Diskriminierendem, zu „schreib endlich über die Betroffenen/sexuelle Gewalt11“ (weil ich das ja auch noch gar nicht tat #Sarkasmus), zu schlichtweg plumpen Beleidigungen reichte (zur Erinnerung: auf dem Oktoberfest gibt’s alljährlich ca. 20 Anzeigen wegen sexueller Nötigung und Vergewaltigung, die Dunkelziffer liegt bei 200. Auch wenn die quantitative Anzahl der Sexualstraftaten dort höher, und regelmäßiger als in Köln ist, interessieren sich die plötzlichen „Kämpfer_innen gegen sexualisierte Gewalt“ sowohl recht wenig für die Übergriffe da, als auch für Diskurse um die Herkunft der meist weißdeutschen Täter auf dem Oktoberfest).

 

Antifeminist_innen sehen also, dass sexualisierte Gewalt etwas schlimmes ist und fordern Aufmerksamkeit für die Betroffenen und ihr Leid? Schön wärs! Springen wir drei Wochen zurück zum Hashtag #WhyISaidNothing unter dem Vergewaltigungsopfer darüber schrieben, warum sie über ihre Gewalterfahrung geschwiegen haben. Der Hashtag wurde schnell von verhöhnenden, beleidigenden, und auch bedrohenden Reaktionen geflutet. Die Personen hinter diesen Reaktionen kamen aus dem gleichen politischen Lager wie die Rassisten, die jetzt mehr Mitgefühl und Aufmerksamkeit für die Betroffenen in Köln fordern – teilweise waren es sogar die exakt gleichen Personen.

Hier zwei Screenshots von replies, die ich auf Tweets zu meiner Vergewaltigung erhielt:

WhyISaidNothing         WhyISaidNothing2

 

Noch mehr solche „sei doch leise!“, „Halt die Klappe, du nervst mit dem Vergewaltigungskram“, bishin zu noch heftigeren Beleidigungen, sexuellen Belästigungen, Vergewaltigungsdrohungen und Morddrohungen haben Betroffene bekommen, die unter #WhyISaidNothing – oder auch #Aufschrei – getweetet haben. Vieles ist auch noch direkt in der Twittersuche der entsprechenden Hashtags zu finden. Die Menschen, die von uns forderten über unsere Vergewaltigung zu schweigen, sind die gleichen, die jetzt meinen wir würden zu wenig über die sexualisierten Übergriffe in Köln schreiben.

 

 

Ich gebe zu: Ich finde es unfassbar schwer mit diesen rassistischen, sexistischen Debatten um „muslimische“, „arabische“, „geflüchtete“ Vergewaltiger umzugehen. Es ist ja nicht erst seit Köln so, dass diese Parolen über den „triebgesteuerten, frauenfeindlichen Flüchtling“ verbreitet werden. Der nicht-weiße und/oder jüdische Mann als sexualisierte Bedrohung für die weiße/arische Frau ist ein uraltes rassistisches und antisemitisches Stilmittel. Je nach Zeitgeist wurde und wird verstärkt der Schwarze, der jüdische, oder aktuell eben der muslimische/geflüchtete Mann als besonders „sexuell aufgeladen, enthemmt, triebgesteuert, unzivilisiert, frauenverachtend, und gefährlich“ dargestellt.

Schon vor Monaten hetzten die diversen Pegidas mit erfundenen „Statistiken“ a la „100% aller Vergewaltigungen werden von Muslimen begangen“ (u.a. O-Ton bei Pegida Frankfurt), und erfundenen Berichten über von Geflüchteten begangenen Vergewaltigungen.

Im Fall von Köln wurden nun tatsächlich Frauen von Männern „nordafrikanischen Aussehens“ genötigt und vergewaltigt. Ein gefundenes Fressen, sowohl für Pegidisten als auch sonst den casual Rechtspopulist_innen von EMMA bis Bundesregierung.

 

Ich lese sowohl diese rassistische Hetze (lässt sich nicht vermeiden, wenn man als WoC einen Twitteraccount hat), ich sehe die große mediale und politische Reichweite die die Fälle in Köln bekommen haben, und ich sehe die ganzen Pseudo-Solidaritätsbekundungen mit Betroffenen und Pseudo-Kampfesansagen gegen Sexualstraftätern, von Menschen/Medien/Politikern, die sich sonst einen Dreck für Betroffene von sexualisierter Gewalt, Verurteilungen von Vergewaltigern und rape culture interessieren.

Ja, ich finde es gut, dass Menschen sich jetzt mit dem Thema sexualisierte Gewalt beschäftigen und darüber berichten. Wenn sie das aber nur aus einer rassistischen Motivation heraus tun (und die Betroffenen für ihre Hetze auch noch benutzen) kann ich gar nicht in Worten ausdrücken wie schlecht mir dabei wird.

 

Ich weiß nicht mehr, was mich am Meisten aufwühlt. Dieser ganze Rasssismus als von Rassismus Betroffene? Die Instrumentalisierung von Vergewaltigungsopfern als selbst Vergewaltigungsopfer? Die Pseudo-Solidarität von Menschen, die im nächsten Moment wieder sexualisierte Gewalt kleinreden und Betroffene verhöhnen, beleidigen und bedrohen? Das Wissen, dass meine Vergewaltigung entweder als unwichtig oder als unmöglich (weil weißer Täter, nicht-weißes Opfer kann ja gar nicht sein) betrachtet wird? Die Erinnerung daran, was ich mir an verhöhnenden, kleinredenden, victim-blamenden Reaktionen auf meine Vergewaltigung an ebenfalls einem Silvesterabend, anhören musste von Menschen die nun im Fall von Köln Bestürzung und Empathie heucheln? Oder ist es auch die Angst davor wie viele rassistische Anschläge und Gesetze in den nächsten Tagen folgen werden?

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3 Gedanken zu “Rape Culture und rassistische Doppelmoral

  1. …ich weiß auch nicht mehr wo ich anfangen soll, du hast es wunderbar beschrieben, habe es auch auf fb geteilt …
    merci m. + LG

  2. […] gelernt habe. Daher erachte ich es als sinnvoller, einfach einen Artikel einer WOC zu teilen: Rape Culture und rassistische Doppelmoral von […]

  3. […] bedeuten diese ganze Zahlen im Bezug auf die Vorfälle an Silvester 15/16, in Bezug auf die andere Silvesterfeier auf der ich vergewaltigt wurde, auf das Oktoberfest, auf das letzte Silvesterfest oder auf sonst […]

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